Ein Recht auf Frieden

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Von Monika Wicki

Mit einer historischen Nach-Inszenierung und sechs gewichtigen Workshops, mit über 170 Teilnehmer*innen aus 22 Ländern haben Women’s International League for Peace and Freedom (WILFP), der Schweizerische Friedensrat und die Frauen für den Frieden Schweiz die zweite internationale Frauen-Friedenskonferenz, die 1919 in Zürich stattgefunden hatte, achtungsvoll gewürdigt. Die Forderungen von damals wurden diskutiert, aktualisiert und ergänzt. Junge Aktivist*innen haben sie aufgenommen und tragen sie weiter.

Vom 12.-15. Mai 1919 war der Zürcher Glockenhof Schauplatz der zweiten grossen Konferenz des Committee of Women for a Permanent Peace. Auch der Jubiläumsanlass am 11. Mai 2019 fand im selben Saal statt. Wer den Saal betrat, wurde direkt in die Zeit von 1919 zurückversetzt. Und so bekommt das Heute zwischen Vergangenheit und Zukunft eine grosse Bedeutung. 

«Das radikalste, das wir wohl in der heutigen, kriegerischen Welt fordern können, ist Frieden», meint Natasha Wey, Präsidentin der SP Frauen Schweiz, in ihrem Grusswort. «Welche Radikalität hatten die Frauen um Clara Ragaz in Zürich vor 100 Jahren! Wie visionär waren ihre Forderungen und wie mutig ihr Anspruch für eine nachhaltige und friedliche Welt.» Dieser Jubiläumstag soll auch ein Auftakt dafür sein, dass die Forderungen der Frauen mit dem Frauenstreik am 14. Juni 2019 auf die Strasse getragen werden und die Frauen stärker in die Politik – in der Schweiz und in der Welt – eingreifen. 

In ihrer Eröffnungsrede betont Joy Ada Onyesoh, Präsidentin von WILPF International, die Notwendigkeit bewaffnete Konflikte zu verhindern. Denn nur so könne auch sexuelle Gewalt gestoppt werden. Übergriffe an Frauen, Gewalt, Waffen und Kriege sind verbunden in denselben Denkmustern. Mit dem Klimawandel werden die Konflikte zunehmen. Es ist darum dringend notwendig, dass sich die feministische Bewegung, die Klimabewegung und die feministische Friedensbewegung gegenseitig stärken und unterstützen. 

Mit den Worten «Please close your eyes and imagine May 1919…” führt Helena Nyberg, Mitglied des Vorstands von WILPF Schweiz, die Teilnehmenden zurück in die Vergangenheit. Zahlreiche Frauen in historischen Kostümen betreten den Raum und setzen sich. Jane Addams, Vorsitzende der Frauenkonferenz von 1919 erhält das Wort. Für den Dokumentarfilm, den die Kooperative Clapham Film Unit live im Zürcher Glockenhof dreht, spielen die Frauen in einem rund stündigen Akt die Diskussionen auf dem Weg zu zukunftsweisenden Resolutionen von damals nach. Auch Clara Ragaz tritt auf, gespielt von ihrer Verwandten Laura Huonker. 

Die damals mehrtägigen Diskussionen werden in gestraffter Form dargestellt, so erscheint der Faden der Diskussionen klarer, die Essenz der Aussagen pointierter. Berührend wird deutlich, worum es den Frauen damals ging und fast ebenso berührend wird deutlich, wie radikal ihre Forderungen tatsächlich waren. Die Frauen lassen sich nicht auf Kompromisse ein, sondern fordern die vollständige Abrüstung aller Länder und das Verbot, Waffen zu produzieren. Sie fordern einen Völkerbund, an dem alle Staaten gleichermassen teilnehmen können und sie fordern ein Wirtschaftssystem, das von den Bedürfnissen und der Existenzsicherung eines Jeden Einzelnen ausgeht. 

Mit diesem inspirierenden Rucksack gehen die Teilnehmenden in die nachmittäglichen Workshops.  Aus jedem Workshop heraus werden die zentralen aktuellen Forderungen auf «Sprechblasen» am Schluss des Kongresses durch junge Frauen präsentiert. Dabei wird sehr deutlich, was ansteht und wo die Organisationen ansetzen müssen: Stoppt die Waffenproduktion! Stoppt die Finanzierung der Waffenproduktion! Schafft Transparenz über die Finanzierungstätigkeiten der Banken! Vollständige Abrüstung! Aus der Militärökonomie soll eine Friedensökonomie werden! Und es braucht Friedensbildung in den Schulen! 

Fragen des Klimaschutzes und der Friedensbewegung sind, so der Tenor in den Workshops, mehrfach verbunden: Grosse Umweltschäden werden zum Beispiel auch bei Flugzeugbasen festgestellt, das Wasser wird abgezogen, Lärm, Emissionen und CO2 Ausstoss sind immens. Die Frage, wem nützt der Krieg und wem der Frieden, muss gestellt und beantwortet werden. Eine Rückeroberung der Wirtschaft, um Frieden zu schaffen, ist dringend notwendig und das Geld, das in die Entwicklung von Kriegstechniken investiert wird, sollte besser in die Entwicklung von umweltfreundlichen Technologien investiert werden. 

Wählen und Abstimmen ist ein soziopolitischer Prozess. Das haben die Frauen 1919 klar gezeigt, die damals um das eigene Frauenstimm- und Wahlrecht gerungen haben. Ein besonderer Workshop wurde im Rahmen des EU-Projektes «Women – Vote – Peace» durch Heidi Meinzolt, WILPF-Europa Delegierte, organisiert.  Bei Abstimmungen und Wahlen werden immer auch Weichen bezüglich Fragen der Diversity, Gender, der Gerechtigkeit und des Friedens gestellt. Diese gilt es zu beachten, das Stimm- und Wahlrecht wahrzunehmen und für den Frieden und die Gerechtigkeit zu stimmen. 

Die internationale Durchmischung der Teilnehmenden wird in den Workshops sehr positiv erlebt. Auf den «Sprechblasen», stehen zahlreiche weitere Forderungen. Diese werden den an der Tagung beteiligten Friedensorganisationen übergeben. Vom Gestern, zum Heute, zum Morgen. Die Friedensorganisationen werden diese Forderungen aufnehmen und sich für deren Umsetzung einsetzen. Vielleicht, so Helena Nyberg bei den Abschiedsworten, sehen wir uns in 100 Jahren wieder, um den Frieden zu feiern. 

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