Trump als Beschleuniger biblischer Prophetie?

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Von Hansuli Gerber – Es gibt nicht wenige Christen die ernsthaft glauben, mit der Staatsgründung von Israel 1948 seien wir der wirklichen Endzeit und der Wiederkunft Christi ein gutes Stück näher gekommen. Wunderlicher aber ist die unter ihnen sich verbreitende Überzeugung, dass alle Menschen jüdischer Herkunft sich im heutigen Israel einfinden müssen und es auch werden (und sei es durch Verfolgung), damit Jesus wiederkommen kann. Dass beides, die Staatsgründung Israels und die „Rückkehr“ der Juden, zwangsläufig mit Unrecht, Krieg und Zerstörung einher gehen scheinen die Leute, welche diese Thesen vertreten, einfach hinzunehmen. Denn auch das sehen sie in der Bibel verankert und somit gerechtfertigt. An dieser Thematik  scheiden sich in täuferischen und andern Gemeinden die Geister wie an kaum einem andern Thema. Es ist so emotionsgeladen, dass manche das Thema lieber meiden. Ich halte dafür, dass schweigen nicht mehr möglich ist ohne mitschuldig zu werden.

Seit Donald Trump die Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem angekündigt hat, gilt er für manche Israel-Begeisterte als Beschleuniger biblischer Prophetie, bzw. des Tag des Herrn. 1)

Ich kann mich dieser Sichtweise ganz und gar nicht anschliessen. So sympathisch mir manche dieser Christen sind, ich halte ihre Sicht für ungerecht im Sinne der biblischen Propheten und für ein fatales Missverständnis. Es führt dazu, grauenhafteste Menschenrechtsverletzungen einfach hinzunehmen oder gar zu rechtfertigen.  Natürlich sagen biblische Propheten, dass der „Tag des Herrn“ für diejenigen, welche die Regeln des Reiches Gottes missachten, kein Freudentag sein wird. Doch das wird ausgerechnet den Eliten Israels und Judäas hunderte von Jahren vor Christi Geburt wiederholt gesagt.

Die Kriterien für Gottes Gericht sind weder nationaler noch ethnischer Art. Sie sind vielmehr alltäglicher Art: es geht darum, wie die Regierenden und die Wohlhabenden mit den Fremden und Benachteiligten umgehen. Ob sie Recht vor Unrecht stellen. Ob sie wahrhaftig sind, ob ihre Waagen stimmen. Und, wenn es nach  Jesus gehen soll, ob sie bereit sind, zu vergeben und auf Gewalt zu verzichten.

All das hat mit menschlicher Zeitrechnung wenig und nichts zu tun. Noch weniger hat es mit Nationalflaggen zu tun, egal welcher Farbe sie sind. Den heutigen Staat Israel mit dem biblischen Israel gleich zu setzen ist meines Erachtens purer Unfug. Das Tragische dabei sind die vielen Menschen, die leiden, sowohl Israelis (von denen es sehr verschiedene mit sehr unterschiedlichen Rechten und Pflichten gibt) und Palästinensern, welche vor 50 Jahren zu Millionen vertrieben wurden und heute wie kaum ein anderes Volk in Unterdrückung leben.

Auch wenn das heutige Israel die Erbschaft des biblischen Israels inne hätte, was ganz und gar zu bestreiten ist, dann würde das prophetische Wort der Bibel in aller Schärfe zutreffen wie damals zur Zeit von Amos oder Jesaja. Israel würde verurteilt, strenger als die UNO es kann, denn das Unrecht, nicht nur gegen Palästinenser, sondern gegen viele der eigenen Landsleute, vor allem arabischer und afrikanischer Herkunft, schreit seit Jahren buchstäblich zum Himmel und wird schier unerträglich. Dazu beliefern einige Staaten, auch die Schweiz, die Region mit Waffen.

Nun werden einige denken, ich sei ein Feind Israels und ergreife einseitig Partei für die Palästinenser. Man muss kein Feind Israels sein, um seine Politik als abscheulich zu bezeichnen. Sowenig wie man ein Feind der USA sein muss, um ihre Politik zu verurteilen. Ich weiss von vielen israelischen Staatsbürgern, unter ihnen einer ihrer Pioniere, mittlerweile 94 Jahre alt, welche mit der israelischen Regierungspolitik aufs schärfste ins Gericht gehen. 2)

Im Gegenteil zu dem, was viele gutmeinende Christen sagen und auch Politiker gerne wiederholen, liegt das Problem nicht daran, dass  Menschen verschiedener Volksgruppen einander hassen. Wenn sie es tun, dann hauptsächlich weil ihre Regierungen es ihnen vormachen und abverlangen. Israelis und Palästinenser könnten wohl zusammenleben, wenn ihnen dafür die geeigneten Rahmenbedingungen geschaffen oder überlassen würden. Doch genau dies verhindert die israelische Führung (das sagen einige ihrer eigenen Leute) und die jüdischen Siedler.  Was die palästinensische Führung anbelangt ist es viel komplizierter, da es sie als solche praktisch kaum gibt und ihr Gebiet zerstückelt und unter militärischer Kontrolle Israels steht. Sie hängt unter dem Motto „zerteile damit du regieren kannst“. Leuchtende Ausnahmen guten Willens gab es Gott sei Dank immer wieder. Da wären Yitzhak Rabin und Yassir Arafat zu nennen, welche beide durch innere Feinde umgekommen sind. Bei Arafat ist es zwar umstritten, aber ein sehr intimer Kenner, der obgenante Mitgründer Israels, bestätigt diese These genauso wie die Angehörigen.

Zusammenfassend einige Thesen:

1. Der heutige Staat Israel ist nicht mit dem biblischen Israel gleichzusetzen, weder als Fortsetzung noch als Neugründung (Israel als eine Nation gibt es seit beinahe 1000 vor Christus nicht mehr, da es in zwei Reiche geteilt wurde, wobei Jerusalem nicht die Hauptstadt Israels war.)

2. Es wird gesagt, Jerusalem komme in der Bibel mehrere hundert Mal vor, aber niemals im Koran. Das stimmt, doch wird gleichzeitig verschwiegen, dass Jerusalem in der Thora auch nirgends vorkommt. Die Rolle Jerusalems in der Bibel erlaubt keineswegs die Schlussfolgerung, dass Jerusalem die Hauptstadt eines modernen Israels im 21. Jahrhundert sein müsse.

3. Auch wenn man in Israel die Neusammlung des jüdischen Volks sieht, so kann dies keine Entschuldigung sein für die systematische Unterdrückung der vor der Staatsgründung in Palästina lebenden Menschen.

4. Diesbezüglich wurden wir jahrelang hinters Licht geführt, wie übrigens auch eine ganze Generation von jungen Europäern jüdischer Herkunft. Es wurde damals und bis vor kurzem gesagt, das Land sei so gut wie unbewohnt gewesen. Heute überdecken seit der Besetzung durch die israelische Armee gepflanzte Bäume hunderte ehemalige palästinensische Dörfer, die dem Erdboden gleichgemacht wurden.

5. Mehr als ein halbes Jahrhundert leben rund eine halbe Million – auf 1.5 Mio – palästinensische Flüchtilinge in Lagern im Gazastreifen. Dies obwohl das internationale Recht – und jede menschliche Vernunft -solches nicht zulassen kann. Dagegen protestieren Christen, welche im modernen Israel eine Erfüllung der biblischer Verheissung sehen nicht.

6. In Trump‘s Vorgehen eine Erfüllung biblischer Verheisssung zu sehen kommt in etwa dem Missverständnis gleich, welches zur Zeit Jesu verbreitet war: das Kommen des Messias als Nationalheld der gewalttätigen Art zu erwarten.

7. Die Fixierung auf vermeintlich biblische Prophetien verhindert oft die Sicht auf die historischen Tatsachen. Darunter vorwiegend der Umstand, dass Israel/Palästina mitten im Krisenbogen der Länder ist, welche entweder europäische Kolonien oder Teile des osmanischen Reiches waren 3). Europa und die USA haben diese Region politisch, wirtschaftlich und  kulturell zugleich vernachlässigt und ausgebeutet, um sich so u.a. die Abhängigkeit vom Erdöl zu ermöglichen. In dieser Region gibt es seit dem 2. Weltkrieg die meisten Kriege und die meisten Flüchtlingsströme werden da ausgelöst.

Etwas mehr geopolitisch-historischer Realismus würde also helfen. Dazu müsste die Bibel anders gelesen werden, nämlich so, wie laut Jesus gebetet werden soll: im Geist und in der Wahrheit statt mit der Fixierung auf Jerusalem. (Joh 4,24) Jeder Nationalismus ist zutiefst materialistisch. Doch die Vision und Verheissung Christi greift weit darüber hinaus und widerspricht zutiefst solcher Verkürzung.

1) Siehe 2.Petr 3, 12. Gewisse Übersetzungen brauchen das Wort „beschleunigen“, andere „herbei sehnen“.

2) Siehe die hervorragenden wöchentlichen Artikel von Uri Avnery zum Tagesgeschehen in Israel, gespickt mit Erinnerungen aus der Zeit der Staatsgründung und seither. (englisch).

3) siehe Andreas Zumach: Globales Chaos – machtlose UN. Ist die Weltorganisation überflüssig geworden? Zürich 2015

 

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3 comments

  • Lieber Hansuli,
    Während dem Lesen des Artikels habe ich mich gefragt, wer diesen Artikel geschrieben hat. Ich habe weder am Anfang noch am Ende einen Namen gefuden.
    Der Artikel entspricht mir sehr. Er wird aber kaum auf Gegenliebe bei unseren sogenannten “Israel Freunden” stossen.

    • Lieber Bruno,

      Danke für deine Rückmeldung. Ich warte auf ein Feedback von ein oder zwei Personen bevor ich den Artikel dem Bericht über die Tagung Menschenrechte in einem Rundmail beifüge. Noch muss ich die Fusszeilen in der franz. Version fertig machen.
      Ich weiss, dass dies bei einigen Unverständnis oder auch Ärger verursachen wird. Doch hier geht es nicht um politische Ansicht, sondern um menschenverachtende Dinge von der schlimmsten Sorte. Hier immer zu schweigen dem lieben Frieden zuliebe wird zum Unrecht. Gut möglich, dass es mal heisst, ihr habt es gewusst und habt nichts gesagt oder getan….

  • Hallo zusammen,
    auch ich finde es nötig und wichtig nicht zu schweigen, sondern das Gespräch zu suchen, auch wenn nicht alle gleicher Meinung sind. Seit unserer Israelreise habe auch ich in meinem ” Inneren” das Gefühl, dass Schweigen für mich einem sich ” Schuldig machen ” gleich kommt!
    Darum den Artikel verteilen ! Mir bestem Dank
    Paul

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