Erklärung des Amsterdam Center for Religion and Peace & Justice Studies
Plötzlich ist er nicht mehr weit weg, sondern ganz nah. Ein militärischer Angriff einer Atommacht auf einen anderen, unabhängigen Staat, das schien für viele, zumindest in Europa, undenkbar! Und das macht zunächst einmal Angst. Angst aber versetzt die Menschen in einen Zustand der Starre, und genau das ist in einer solchen Situation überhaupt nicht hilfreich.
„Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer“, sagte Aischylos (525-456 v. Chr.). Im Grunde genommen wird die Wahrheit aber schon lange vor Kriegsbeginn geopfert, zugunsten von Propaganda und Aufregung, um die Menschen dazu zu bringen, den Krieg überhaupt zu befürworten, ihn zu legitimieren oder gar selbst daran teilzunehmen. Deshalb ist eine ständige politische Analyse auch für die theologisch-ethische Reflexion so wichtig.
Zu diesem Zweck sucht das Amsterdamer Zentrum für Religion und Friedens- und Gerechtigkeitsstudien seit vielen Jahren vor allem die Stimmen „am Rande“, die der vermeintlich Machtlosen, der direkt vom Krieg Betroffenen. – In der Ukraine sind dies z.B. kleine Friedenskirchen, die sich für den Schutz der Zivilbevölkerung einsetzen. Und es sind Wissenschaftler, mit denen wir gemeinsame Projekte durchgeführt haben. In Russland sind es die Stimmen, die noch den Mut haben, gegen das Vorgehen der eigenen Regierung zu demonstrieren. In Europa und Nordamerika sind es die vielen Friedensinstitute, Nichtregierungsorganisationen und Kirchen der ökumenischen Gemeinschaft, aus deren Einschätzungen und Erfahrungen heraus die Bedürfnisse und die Weisheit der Zivilbevölkerung in den Vordergrund gerückt werden können. Der Schutz der universell anerkannten Menschenrechte – für alle – ist darüber hinaus Richtschnur für ein ethisch verantwortliches Urteilen und Handeln.
Dementsprechend ist es auch eine Aufgabe, eine Rhetorik zu entlarven, die die aktuelle Gewaltspirale nur weiter antreibt und im Grunde schon zu der Situation geführt hat, die jetzt viele bedroht: „notwendige Abschreckung“, „Strafmaßnahmen“, „Aufrüstung“, „Stärkung der Ostflanke“, „Verantwortung für Waffenlieferungen“ und vieles mehr. Vermischt mit überholten Mustern von Nationalismus, Militarismus, ja Imperialismus – teilweise sogar von Kirchenführern gefördert – ist eine politische Konfrontation entstanden, die niemand wollen kann.
„Wie wird der Friede sein?“ – fragte Dietrich Bonhoeffer 1934 auf einer internationalen ökumenischen Konferenz. Eindringlich wies er auf die Verwechslung von „Sicherheit“ und „Frieden“ hin. „Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit“, war seine Überzeugung. „Sicherheit zu verlangen heißt, Misstrauen zu haben, und dieses Misstrauen gebiert wiederum den Krieg. Sicherheit zu suchen heißt, sich schützen zu wollen.“ Bonhoeffer rief damals die Kirchen als ökumenische Bewegung auf, sich gemeinsam und unermüdlich für den Frieden einzusetzen.
In der Tradition der historischen Friedenskirchen, die Gewaltlosigkeit als ein wesentliches Merkmal des christlichen Glaubens betrachten, suchen wir im Amsterdamer Zentrum für Religion und Friedens- und Gerechtigkeitsstudien nach einer Theologie und Ethik, die politisches Handeln so ausrichtet, dass ein gerechter Friede für alle herrschen kann. Dies erfordert die Kreativität aller Menschen, egal zu welcher Nationalität oder Kultur sie sich zählen, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit oder Weltanschauung.
Aus der spirituellen Dimension des Glaubens erwächst neue Kraft für eine gewaltfreie Friedenskonsolidierung. Deshalb sind die vielen politischen Gebete, die jetzt stattfinden, geeignete Orte, um – gemeinsam mit anderen Menschen – Wege aus der Spirale der Gewalt zu finden.
26. Februar 2022, The Amsterdam Center for Religion and Peace & Justice Studies